Machtgefälle im Kopf. Die neue Leipziger Zeitung Nr. 80 ist da: Was zählt …

Ralf Julke, 26.06.2020: Darauf einen schönen schwarzen Kaffee. Zum Munterwerden. Und als Anstoß. Quasi der Kaffee des Anstoßes. Nicht ohne Grund thematisiert die neue Ausgabe der Leipziger Zeitung nach den großen „Black Lives Matter“-Demonstrationen die alten, fast „vergessenen“ Themen Kolonialismus und Rassismus auch für Leipzig. Die ach so weltoffene Stadt, in der Menschen, wenn sie nur fremd genug aussehen, trotzdem immer wieder Stalking, Mobbing und direkte Angriffe erleben. Man sieht es nicht – so aus weißhäutiger Perspektive.

Man wird ja selbst nicht angemacht. In den Augen der Aggressoren gehört man ja dazu, hat Schwein gehabt, weil man zufällig die richtige Hautfarbe hat. So sehen dann auch viele, die glauben, weltoffen und tolerant zu sein, überhaupt nicht, dass sie unbewusst all die Vorurteile aus der Zeit mitschleppen, in der Kolonialismus in Deutschland salonfähig gemacht wurde und das abwertende Bild von Menschen in anderen Ländern, Kulturen und mit anderer Hautfarbe fest in unseren Köpfen und unserer Kultur verankert wurden.

Um das mitzubekommen, muss man sich genau mit diesen Wurzeln beschäftigen. Auch mit bärbeißigen Typen wie Ernst Moritz Arndt, deutschen Professoren und „Denkern“, die dieses hierarchische Denken zum festen Bestandteil unserer Kultur gemacht haben. So fest, dass pensionierte Lehrer sogar Petitionen schreiben, um diesen Arndt mit Argumenten nach dem Muster „Das war schon immer so, das muss so bleiben“ zu verteidigen.

Und Leser, die unsere Texte dazu zu kritisch finden, gleich noch fragen: Ja, und was ist mit der Polenverachtung von Marx und Engels? Womit man bei Hegel wäre, der über andere Völker ganz ähnlich dachte wie sein Schüler Marx. So werden pseudo-wissenschaftliche Denkkonstrukte weitergegeben, aufgeheizt von Schülern, die dann dummerweiwse auch noch hochbegabte Schreiber sind, die ihre angelernte Verachtung (auch für Juden) in hochemotionale Texte packen.

Und wer erst einmal bei Arndt und Hegel landet, kommt auch nicht an Kant vorbei, der die Aufklärung als ein rein europäisches, sprich: weißes Projekt sah und über die „primitiven“ Völker ebenso abwertend dachte wie später Arndt. Mir ist die entscheidende Grundlagenarbeit, wie dieses hierarchische Denken in die deutsche Völkerkunde kam, noch nicht untergekommen.

Da würde so manch Überraschendes stehen auch zu dieser seltsamen Not gepuderter deutscher Professoren, die Menschheit unbedingt genauso klassifizieren zu müssen wie die Tierwelt. Als müssten sie ihr eigenes Ungenügen irgendwie in ein wissenschaftlich verbrämtes Elite-Denken packen.

Und weil einer vom anderen abschrieb, dachten sie alle, das sei irgendwie wissenschaftlich.

In Leipzig ist das Thema Kolonialismus noch lange nicht durchdekliniert. Das belegt derzeit auch die Einwohneranfrage, warum Zoodirektor Ernst Pinkert noch 2010 eine Straße und eine Schule mit seinem Namen bekam. Und das, obwohl sein Mitwirken bei der Organisation der „Völkerschauen“ im Zoo bekannt war. Ein Thema, mit dem sich seit zehn Jahren auch die Arbeitsgemeinschaft Leipzig Postkolonial an der Uni Leipzig beschäftigt. Dort wirkt Claudia Rauhut mit, die Marko Hofmann für die LZ interviewt hat.

Und sie sagt einen zentralen Satz, der verstehen hilft, warum Menschen mit weißer Hautfarbe immer noch meinen, sie müssten sich als Rassisten gebärden.

„Rassismus spiegelt dominante Machtverhältnisse wider“, sagt sie. „Es geht bis heute von einer gewissen Überlegenheit im Zusammenhang mit Weiß-sein aus, die damals manifestiert wurde.“ Sie spricht vom „Privileg, weiß zu sein“.

Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 80, Ausgabe Juni 2020. Foto: Screen LZ

Und man ahnt, das dahinter noch etwas anderes steckt: ein Machtgefälle und ein Gefühl von Ohnmacht. Denn Rassisten findet man zwar auch in gehobenen Positionen. Aber wer genauer hinschaut merkt, dass sie fortwährend verunsichert sind, immerfort auf Bestätigung bedacht, auf wohlwollende Zustimmung und nach Beifall heischend. Denn die Rückseite von Rassismus ist fehlende Souveränität.

Menschen (vor allem Männer), die sich in ihrem Leben und ihrer Person nicht wirklich souverän fühlen, gar noch als „Bürger 2. Klasse“, neigen zu Ersatzrollen, einem Korsett, das ihnen das Privileg Weiß-Sein gibt: Sie haben zwar sonst nicht viel, mit dem sie sich anderen (gar fremden) Menschen gegenüber souverän und stabil fühlen. Aber sie haben ihre weiße Hautfarbe.

Und es ist ihnen nicht mal bewusst, wie sie da ihre eigene Verunsicherung in Aggression ummünzen. Denn natürlich sorgen Menschen, die anders aussehen, dafür, dass das gewohnte „weiße“ Bild Farbe bekommt, komplexer wird und – verunsichernder. Denn die grundlegende Frage wird eigentlich in früher Kindheit geklärt, da, wo Menschen lernen, sich selbstbewusst zu verhalten und die Vielfalt der Welt als Geschenk annehmen, als guten Grund, staunen zu dürfen. (Ray Bradbury hatten wir ja kürzlich erst dazu zitiert.)

Mit Rassismus lassen sich Untertanen machen, die schon aus dem Wunsch, akzeptiert zu werden, mitmachen. Mitheulen und sich gern auch als rücksichtsloser zeigen als ihre Vorturner im teuren Anzug.

Und weil eine Zeitung zum Nachdenken anregen soll, haben wir das Thema einfach mal in vielen Facetten angepackt, angefangen mit dem Gedenken an den vor 20 Jahre zu Tode geprügelten Alberto Adriano in Dessau über den selbstbewussten Balletttänzer Luke Franis, der weiß, wie sich die Häme der Mitwelt anfühlt. Die unsägliche Stadtratsrede des AfD-Mannes Roland Ulbrich wird natürlich auch betrachtet. Und David Gray beschäftigt sich einmal intensiver mit „Polizei, Rassismus und Medien“.

Und dass auch Pfarrer sich nicht wegducken dürfen, wenn „christlich-rechtspopulistische“ Akteure versuchen, die Meinungshoheit zu gewinnen, darüber spricht Andreas Dorn, Pfarrer an der Peterskirche, mit Marko Hofmann. Während Jens-Uwe Jopp das Thema einmal von der Seite des Munterwerdens anpackt. Exemplarisch hat er „Die Deutschstunde“ von Siegfried Lenz noch einmal gelesen, die sehr anschaulich macht, wie schwer es der Nachkriegsgeneration fiel, sich ihres antrainierten faschistischen Denkens überhaupt bewusst zu werden. Ein Prozess, der bis heute nicht beendet ist.

Schriftsteller wie Lenz wussten genau, dass „Prinzipientreue“ auch ein Korsett ist, eine Denkbarriere, die uns daran hindert, uns wirklich offenen Auges unserem eigenen Leben zu stellen.

Dieses Thema taucht in Konstanze Caysas Kolumne „Leiblichkeit des Denkens“ auf. Denn das ist eben nicht nur Sache der Dichter. Oder der Bildhauer. Denn diesmal kommt sie beim Betrachten der Skulpturen von Rodin auf Hannah Arendt, die sich eben auch mit dem Lebendigsein beschäftigt hat. Und damit auch mit der Abgestumpftheit unserer Wohlfühlgesellschaft. „Aber nein: sie ersticken das Kindliche, Staunende, Neugierige absichtlich. Alles das Mittelmaß Übersteigende, das Schwierigkeiten bereiten könnte in Gestalt von Kontrollverlust.“

Sie ahnen es ja: Genau hier steckt die Wurzel für die Ansteckung mit Rassismus. Wer nicht mehr (kindlich) staunen kann, wird zum Radikalen des verordneten Mittelmaßes. Und das ist weiß. Und es äußert sich in Pöbelei, Selbstgerechtigkeit, Dünkel – den dann auch begnadete Sportlerinnen tagtäglich erleben, worüber Jan Kaefer schreibt.

Natürlich bringt die Zeitung noch viel mehr Facetten des wirklich reichen Leipziger Lebens. Zum Glück gibt es das alles noch, gibt es sie alle noch, die Menschen, die Unangepasstes auf die Beine stellen – oder tun, obwohl sie so wenig Lobby haben. So wie die Malerin Ellen Steger, die Olav Amende interviewt hat, oder die Malerin Anna Bittersohl, deren Porträt Daniel Thalheim zeichnet.

Die Zeitung würdigt die zu unrecht vergessene Elsa Asenijeff, den Kampf des Stadtrats um die Milieuschutzsatzung, die Sorge der Sexarbeiter/-innen über den Neubeginn nach Corona und den Kampf des Turnfests um eine Rückkehr in die reale Welt.

Denn am Ende geht es immer um das Ermöglichen, das Rückgrat, die Welt wirklich sehen und annehmen zu wollen – so wie das eigene Leben.

Wir haben jedenfalls einen Haufen Anregungen zusammengepackt, die einladen, genau darüber wieder nachzudenken. Wieder zu staunen über den Reichtum der Welt. Und mutiger zu sein beim Selber-Leben.

Die neue „Leipziger Zeitung“ (VÖ 26.06.2020) liegt an allen bekannten Verkaufsstellen aus. Alle haben wieder geöffnet – besonders die Szeneläden, die an den Verkäufen direkt beteiligt werden. Oder die LZ einfach einfach abonnieren und zukünftig direkt im Briefkasten vorfinden.

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