Die neue Ausgabe der LEIPZIGER ZEITUNG. Foto: L-IZ.de

Frei nach Schiller: Die Gedanken sind nicht frei, wenn Einer nicht den Mut zur Freiheit hat

Ralf Julke, 22. Juli 2919: Die neue Ausgabe Nr. 69 ist da, und manchmal schält sich erst beim Lesen der frisch gedruckten „Leipziger Zeitung“ heraus, wo eigentlich der Schwerpunkt des Monats lag. Oder liegt. Welches Thema wirklich die Stadt oder gleich die ganze Gesellschaft tatsächlich bewegt hat. Nicht nur aufgeregt, so wie die üblichen Themen, über die sich die Zeitgenossen in unsozialen Medien zerfleischen. Das heimliche Mega-Thema in der Juli-Ausgabe ist tatsächlich das Thema Freiheit.

Wir stimmen am 1. September auch über Freiheit ab. Zu hoch gegriffen? Nicht wirklich. Alle großen Geschichten in der neuen LZ beschäftigen sich direkt oder indirekt mit dem Thema Freiheit. Aber worum es im Kern geht, das erzählt Jens-Uwe Jopp in seiner leicht pädagogischen Kolumne, die auch Schüler und Nichtpädagogen so lieben, weil hier zwar ein durchtrainierter Lehrer schreibt, aber ein solcher, wie ihn sich die meisten Schüler/-innen wünschen, ein belesener. Deswegen bestückt er auch nur zu gern die Rubrik „Überm Schreibtisch links“, in der es diesmal um Bismarck geht, und damit um Bismarcks Vorstellungen vom Staat und von der Einschränkung der Bürgerrechte.

Manche Zeitgenossen kramen ja den alten peußischen Haudegen wieder hervor, weil sie ihn uns gern  als Vorbild für moderne politische (und kleinnationale) Lösungen preisen wollen. Dabei ging es dem „eisernen Kanzler“ vor allem um zwei Dinge: um die Macht und um den Machterhalt. Nach außen und nach innen. Und nach innen war sein stärkstes Bollwerk die radikale Einschränkung der Freiheitsrechte – vor allem die der Arbeiter und Sozialdemokraten.

Die Frage nach der Freiheit durchzieht die ganze deutsche Geschichte. Spätestens seit 1787. Da ließ nämlich Friedrich Schiller seinen Marquis Posa sagen: „Geben Sie Gedankenfeiheit!“ Was 1787 auch im Flickendeutschland Schillers aufmüpfig klang. Denn wer Gedankenfreiheit fordert, fordert bald auch Rede- und Meinungsfreiheit. Wo kämen wir da hin?

Ins Jahr 2019?

Gut möglich. Jens-Uwe Jopp hat seine „leicht pädagogische Kolumne“ diesmal als tatsächlich gehaltene Abitur-Rede verkleidet. Eine, die die jungen Absolventen daran erinnert, dass jetzt erst die größte Herausforderung auf sie zukommt: „Vielleicht bemerken das nur viele nicht, dass es nicht der fremde Nachbar oder die Nachbarin sind, die einem das Leben schwer machen, sondern nur die eigene empfundene Perspektivlosigkeit, die fehlende eigene Hoffnung in das Miteinander in einer Gesellschaft. Die sich in diesem Zusammenhang als ‚Patrioten‘ empfinden, sind sie in Wirklichkeit nicht das Gegenteil davon?“

Weiter heißt es: „Und ist es nicht Ausdruck ganz geringen Selbstvertrauens, wenn eine reiche Gesellschaft sich insgesamt nicht zutraut, die selbst verursachten menschengemachten Probleme zu meistern, sie als Herausforderung zu begreifen? Sich dabei verschließt, anstatt sich zu öffnen? Menschenrechte nur national definiert werden?“, so Jopp vor den jungen Abiturienten.

Das ist die Frage der Zeit. Patrioten sind nicht frei.

Sie sind Getriebene. Sie schlüpfen in eine Uniform und laufen einer Vorstellung von Ausschließlichkeit hinterher, die nicht nur andere Menschen ausschließt, sondern auch gleichzeitig Ängste erzeugt. Wer unser „Untertan-Projekt“ emsig mitgelesen hat, hat noch einmal miterlebt, wie dieser bedauernswerte Patriot Diederich Heßling von einer Angst in die nächste stolpert. Er hat Angst vor seinen Vorgesetzten, vor seinen Mitburschenschaftlern, vor den „Sozis“ und sogar vor der eigenen Frau, der es ein Leichtes ist, Diederich aus dem Bett zu treiben und unterwürfigst um Wiedergutmachung betteln zu lassen.

Der Kerl erinnert fatal an die Patrioten von heute. Denn Patriotismus ist nur ein Ersatz für die Freiheit, die den Menschen erst souverän und gelassen macht in seinem Leben.

Jopp appelliert natürlich augenzwingernd an seine Schüler, die lehrplanmäßig schon heftig mit Schiller malträtiert wurden. „Schiller, der alte ‚Moraltrompeter‘“. Aber bei diesem Schiller, der das Drama als wirkmächtigste literarische Form für sich entdeckt hat, steckt das Widerborstige im Detail. „Er mahnte immer wieder oberlehrerhaft die ‚Freiheitsfähigkeit‘ des Menschen an, der seiner Ansicht nach zentrale Bildungsbedeutung zukäme.“

Nur ging es Schiller eben nicht nur um das Bildungserlebnis vor der Bühne, sondern um den ganzen Menschen, der (da war er noch ganz Optimist) zur Freiheit befähigt werden müsste. Dazu sollte ja die Bühne als „moralische Anstalt“ wirken. Aber selbst seine Dramen erzählen davon, dass er eigentlich eine Selbstbefähigung im Auge hatte, eine Art „learning by doing“. Denn wenn alle Menschen in einem absolutistischen Gefüge aufwachsen, wer soll ihnen denn da die Befähigung zur Freiheit beibringen?

30 Jahre 1989 & die DDR

Sie merken es schon. Da steckt das Jahr 1989 drin, das von Einigen ja schon poetisch als ein „Training des aufrechten Ganges“ beschrieben wurde. Was es leider (oder eben real) nicht war. Auch die meisten Menschen, die 1990 so frenetisch die Deutsche Einheit feierten, glaubten viel eher daran, dass sie die Freiheit nun – wie durch ein Wunder – geschenkt bekommen hätten.

Das trifft für die rein faktische Freiheit zu, die Freiheit, Dinge nun endlich tun zu können, die Befreiung von einengenden Zuständen.

Über die in der LZ übrigens auch berichtet wird, denn in dieser Ausgabe beginnt auch die Beschäftigung mit der DDR-Vorgeschichte. Mit echten Zeitzeugen unterhalten sich LZ-Autoren über ihre Lebensgeschichte und ihre Erfahrungen. Auch im Umgang mit den Unfreiheiten damals, aber auch den Freiheiten. Wer die DDR einfach als „zweite deutsche Diktatur“ auf dem „Müllhaufen der Geschichte“ abladen will (das ist die bis heute gültige CDU-Variante), der begreift nicht, wie ein Land auch noch nach 30 Jahren in den Menschen fortwirkt. In den Köpfen, Haltungen und Erwartungen.

Und eben in der Frage: Wie hälst du’s mit der Freiheit?

Mit deiner eigenen (Wie frei bist du wirklich?) und der Freiheit der Anderen und Andersdenkenden? Denn das steckt ja in Schillers Grundgedanken: Nur wer selbst so frei ist, dass er sich der eigenen Lebensgestaltung bewusst und darin souverän ist, der ist auch in der Lage, allen Anderen die freie Wahl ihres Seins zuzugestehen.

Eine Formel, in der schon sichtbar wird, wie es in vielen Menschen knirschen muss, die mit dem Gefühl herumlaufen, im eigenen Leben überhaupt nicht souverän zu sein, ihre Vorstellungen von einem selbstbestimmten Leben gar nicht verwirklichen zu können. Da liegt schnell so ein Gefühl des Benachteiligtseins: Warum die und nicht ich?

ICH WAR DOCH ERST MAL DRAN!!! Schiller hat den Punkt sehr schön erfasst: Frei wird man wirklich erst, wenn man die Befähigung zur Freiheit erwirbt.

Freiheit ist zwar irgendwie anstrengend. Aber trotzdem sehnen sich Menschen danach. Die meisten ahnen wohl auch, dass die Befähigung zum Freisein auch eine Befreiung ist.

Deswegen ist wohl auch der Spruch „Dann integriert doch erst mal uns“, aufgeschrieben von der Integrationsministerin Sachsens, Petra Köpping, sehr problematisch. Das ist eine Forderung aus dem Gefühl der Unfreiheit heraus, der Hoffnung, nun endlich (Wir haben’s uns doch verdient!) in die größere Gruppe der Glücklichen aufgenommem zu werden, von denen man nach 30 Jahren Schmuddelecke noch immer glaubt, dass die freier sind als wir.

Kann man glauben oder besser nicht: Sie sind nur ein bisschen reicher und wohlhabender. Aber nicht freier. Sonst liefen viele Diskussionen in Deutschland nämlich anders ab.

Etwa die Diskussion zur Abschiebung, die wir in der LZ mit mehreren Geschichten unterfüttert haben (Seiten 1, 3 und 5, hier auch online zu finden), die Gründung neuer, ökologischer Unternehmen (Seite 8), das sachliche Reden miteinander in Wurzen (Seite 8), das Gründen freier Schulen (Seite 13), die Freiheit des Reisens (Seite 17), das Freisein in der Liebe (Seite 16), die Freiheit, drei volle Seiten Sport zu machen ohne einen einzigen Brauseverein.

Und nicht zu vergessen die Beleuchtung des seltsamen Verhältnisses zwischen West und Ost oder umgekehrt (Seite 10) und ein paar Fahnen, die für Ärger bei „unteilbar“ sorgten. Oder der Richter, der so frei war, ein Urteil im Gemkow-Prozess zu fällen, was nicht jedem schmecken wird.

Freiheit braucht auch und gerade den Mut zur Selbsterkenntnis. Auch das wusste Schiller schon und Jopp zitiert ihn noch einmal: „Nie sieht er andere in sich, nur sich in anderen.“ Im „Erkenne dich selbst“ (Gnothi seauton) steckt eben auch das „Erkenne dich selbst im Handeln der Anderen.“ Und das: „Erkenne den Anderen auch in dir.“

Schiller „beschreibt den moralisch wenig überzeugenden Bürger“, stellt Jopp fest. „Nur sich selbst in anderen zu sehen, macht überheblich, arrogant und unnachgiebig im Zugestehen von eigenen und fremden Schwächen, verbaut dadurch Möglichkeiten der Selbstregulation und -korrektur. ‚Andere in sich zu sehen‘ stärkt das Bewusstsein, dass man früher selbst mühsam den steinigen Weg der Selbsterkenntnis nehmen musste und heute muss. Immer und immer wieder.“

Wobei man dieses „muss“ nicht unterstreichen sollte. Weil es auch ein Geschenk ist. Denn was man lernt dabei, ist keine Bürde, sondern ein Geschenk – auch ein große Geschenk von Welterleben. Selbst wenn man nicht nach Australien oder Kanada fliegt, sondern nur da bleibt und sich nicht mehr fürchtet vor der Welt da draußen und den Anderen, die einen herausfordern, selbst mehr zu sein, als man bisher dachte, sein zu dürfen.

Aber bevor es hier zu weit führt: Lesen Sie selbst. Die neue „Leipziger Zeitung“ liegt an allen bekannten Verkaufsstellen aus. Besonders in den Szeneläden, die an den Verkäufen direkt beteiligt werden. Oder einfach abonnieren und direkt im Briefkasten vorfinden.

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