Die LZ Nr. 38 ist da und liegt seit 16. Dezember im Laden. Foto: LZ

Die LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 38: 800 Jahre Rebellion, Reiberei und rücksichtslose Renovierungen

Ralf Julke, 16. Dezember 2016 Na gut, ein Weihnachtsbaum hat es nicht aufs Titelfoto der neuen „Leipziger Zeitung“ geschafft, die heute in Leipzigs Kiosken ausliegt. Auch kein zuckergesättigter Coca-Cola-Weihnachtsmann. Dafür das stolze Leipziger Rathaus von 1905 (Foto 1914). Sie wissen schon: „Eine neue Burg ward errichtet …“ – Denn in dieser Ausgabe taucht Marko Hofmann, begleitet von Michael Freitag wieder ein in das seltsame Leipzig vor 100, 120 Jahren – genauer ins Jahr 1891. Und ein eigenartiges Projekt namens Elster-Saale-Kanal kommt zur Sprache.

War die LZ in den letzen Ausgaben auf Zeitreise in den östlichen Leipziger Vororten unterwegs und entdeckte eine ganz neue Sicht auf diese gerade frisch zu Neuem, Größerem vereinigte Stadt, so gingen Hofmann diesmal die Augen über, als er in damaligen Zeitungen aus dem Leipziger Westen blätterte. Denn was er entdeckte, war eine Stadt, die sich schon mit ganz denselben Themen herumschlug wie das heutige Leipzig. Mitsamt dem erbittert geführten Streit über den Bau eines Kanals bis zur Nordsee.

Denn schon damals war Karl Heines großes Projekt ins Stocken geraten, prallten Pragmatiker und Träumer mit ihren Argumenten aufeinander. Heute ist es mit satten 125 Jahren das wohl längste nicht realisierte Projekt der damaligen Lindenauer und Plagwitzer.

Dabei hatten doch Plagwitz und Lindenau ganz andere Sorgen: Bildungssorgen, Armutssorgen, ja, auch Kriminalität. Und die eben noch verbotene SPD tauchte nicht nur für entsetzte Bürger mit zahlreichen Abgeordneten in den Parlamenten auf – die stellte auch noch Forderungen! Unerhört! Unbezahlbar!

Man traut seinen Augen nicht. Selbst die Forderungen klingen erstaunlich gegenwärtig – auch wenn die meisten davon (welch ein Entsetzen) tatsächlich umgesetzt wurden im Lauf der Zeit. Eine neue Zeitreise mit erstaunlich aktuellen Bezügen.

Was einen so beim Lesen daran erinnert, dass Fortschritt eben nicht nur heißt, Kanäle zu bauen, sondern auch Städte zu modernisieren.

Im zweiten Band der Leipziger Stadtgeschichte wird ja das ganze Kapitel 1539 bis 1818 beleuchtet, in mancher Weise neu. Und weil manche Historiker neu auf alte Themen schauen,  wird gerade in dieser 1.000-Seiten-Komprimierung deutlich, dass in diesem Buch die „Erfindung der modernen Stadt“ geschildert wird, die eben nicht nur von Kanalisation, erster Stadtbeleuchtung und Promenadengrün erzählt, sondern auch von den ersten Formen des modernen Sozialwesens. Damals keineswegs vorangetrieben von grimmigen Sozialdemokraten. Die gab es ja noch gar nicht. Es war der perückentragende Rat der Stadt, der eigentlich nur Wege suchte, der nach dem Dreißigjährigen Krieg grassierenden Armut und der landläufigen Bettelei und Kriminalität Herr zu werden.

Ein erster Blick in die neue Ausgabe Nr. 38. Auf Klick vergrößerbar. Bild: LZ

Ein erster Blick in die neue Ausgabe Nr. 38. Auf Klick vergrößerbar. Bild: LZ

Da halfen dann keine Bettelordnungen mehr. Und auch das strenge Reglement der Religionsausübung war nur ein brüchiges Korsett, das schlecht kaschierte, dass die Welt sich veränderte und neue Produktionsweisen nicht nur neuen Reichtum schufen, sondern auch neue Armut und neue Scharen von Menschen, die mobil wurden und ein Einkommen suchten.
Das dicke Buch macht sichtbar, wie Leipzigs honoriges Bürgertum selbst sich gezwungen sah, das Leipziger Sozialwesen neu zu denken.

Und seitdem kommt Leipzig eigentlich nicht mehr heraus aus diesen Zyklen – fortwährend muss es sich erneuern und modernisieren. Immer wieder geraten alte Strukturen an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Immer wieder wird der Druck auf dem Kessel auch so groß, dass die Leipziger gegen erstarrte und unaushaltbare Zustände opponieren, revoltieren und rebellieren.

Zwei Bücher sind in letzter Zeit erschienen, die über diese opponierenden Leipziger erzählen – immerhin eine Geschichte mit wahlweise 200, 500 oder 800 Jahre langem Atem. Insbesondere Rainer Eckert hat sich dieser langen Vorgeschichte des Leipziger Herbstes von 1989 gewidmet und findet immer wieder ganz ähnliche Konstellationen. Und vor allem Eines ist unübersehbar: Spätestens seit Luthers Thesenanschlag ist Leipziger Widerständigkeit immer auch eine literarische und geistige gewesen – von den Reformatoren über die Frühaufklärer über die Demokraten und Liberalen bis hin zu den kritischen Köpfen, die das Jahr 1989 mit unangepassten Gedanken vorbereiteten.

Da wird nicht einfach nur auf Straßen rebelliert. Da geht’s auch in den  Köpfen zur Sache.
Übrigens ein Thema, das mit 1989 ganz und gar nicht zu Ende war, auch wenn es sich Mancher gern gewünscht hätte. Nur ist der geistige Disput abgetaucht in einer Zeit, als nicht nur ein gewaltiger Bundeskanzler von einem großen Freizeitpark Deutschland träumte. Der Geist also quasi in die Ferien geschickt, genug gedacht und gemosert über die letzten Jahrhunderte? Denkste, sagen in dieser Zeitung Ulrike Gastmann und Jens-Uwe Jopp. Wer das Denken in den Urlaub schickt, erlebt böse Überraschungen – Jopp holt dabei einen Mann aus dem Buchregal, der das einst mit akribischem Scharfsinn beobachtete und aufschrieb: Victor Klemperer.

Und dass Renitenz auch ganz sanft und friedlich daherkommen konnte (mittlerweile ja als unverwechselbares Leipziger Merkmal entdeckt), das beschreibt Dr. Werner Marx bei seinem Rundgang auf den Spuren des Dichters Christian Fürchtegott Gellert. Noch so ein Leipziger, dem man in Leipzigs Innenstadt begegnen kann, wenn man nur die Augen offen hält.

Übrigens ein Thema, das Leipzigs Schauspielintendant Enrico Lübbe ins Zentrum seiner Arbeit gestellt hat. Bei ihm steht die Auseinandersetzung mit den Konflikten unserer Gesellschaft wieder im Mittelpunkt. Das Publikum honoriert es und besucht das Haus an der Bosestraße wieder öfter. Martin Schöler hat ihn interviewt.

Denn wenn man sich mit Konflikten und Veränderungen nicht beschäftigt, überrollen sie einen. Was – leider – derzeit ein Thema ist, wenn man sich mit dem Zustand des sächsischen Staatsapparates nach Jahren der Personalkürzungen beschäftigt. Dass Polizei und Justiz darunter heftig leiden, ist in mehreren Beiträgen in der Zeitung Thema.

Und es betrifft nicht nur die Sparrunden beim Personal.

Denn was geschieht, wenn zum Beispiel bei Infrastrukturen ein Zeitenwechsel ansteht, die Geldgeber aber so tun, als bekämen sie den für ganz wenig Geld?

Gerade passiert es ja mit dem ÖPNV. Wie finanziert man den eigentlich noch, wenn das Geld nicht reicht, aber alle wissen, dass allein das Straßenbahnsystem in Leipzig mindestens um 20 bis 30 Prozent wachsen muss, wenn es in einer 700.000-Einwohner-Stadt überhaupt noch leisten kann, was es eigentlich soll? Und muss. Sechs mögliche Finanzierungsansätze hat der Mitteldeutsche Verkehrsverbund (MDV) untersuchen lassen. In der „Leipziger Zeitung“ werden sie alle ausführlich erläutert. Und es wird ein Vorschlag gemacht, wie es vielleicht wirklich besser gehen könnte in der nicht mehr fernen Zukunft.

Zeitenwechsel auch bei Lok Leipzig. Denn in Probstheida lebt seit Kurzem der faszinierende Traum, noch viel eher als RB Leipzig einen Meisterstern aufs Trikot zu bekommen. Dazu berichtet Marko Hofmann ausführlich.

Das Neue Rathaus von vor 100 Jahren steht also mehrfach symbolisch für eine Stadt, die sich immer wieder häutet, nie wirklich zur Ruhe kommt, in der alte Konflikte immer neu ausgetragen werden.

Und wenn man das mal sacken lässt, dann merkt man: Das ist eigentlich das Leipzig, das seit Jahrhunderten die Macher, Veränderer, Ausprobierer angelockt  hat. So zum Beispiel auch Christiane Pfundt hat sich vor Jahren mit ihrer Idee, fair hergestellte und gehandelte Mode zu verkaufen auf den Weg gemacht. Gestartet in der Könneritzstraße, hat der „Grünschnabel“ nun den Weg in die Innenstadt Leipzigs genommen und konkurriert dort eifrig mit den Billigketten. In der neuen Reihe zu lokalen Unternehmerinnen hat Sebastian Beyer die Ladenchefin interviewt.

Denn Leipzig ist der Platz für Neues, welches jedoch auch hartnäckig verfolgt werden muss. Es ist kein Hypezig. Es ist auch nicht wirklich „Kriminalitätshochburg“ oder „Armutshauptstadt“, weil das unsinnige Kategorien sind, wenn man erst einmal sieht, dass das alles bestenfalls Begleiterscheinungen sind in einer immer neuen Erfindung der nächsten Leipzig-Phase. Und wenn jetzt alle Beteiligten nicht alles falsch machen, kündigt sich die nächste Leipzig-Phase gerade an.

Dumm nur, dass kein Mensch weiß, wie sie nachher aussehen wird. Wir wissen nur, dass wir gerade dabei sind, wie sie sich zusammenrauft. Und wir werden weiter drüber berichten.

Ebenfalls in dieser Ausgabe: „Von meinem Glück etwas abgeben“ – zwei Leipziger Sportler fördern den Läufernachwuchs privat. Christian Prokop – eine „dilettantische“ Suche nach dem neuen Bundestrainer aus Leipzig. Eine Geschichte ohne Gewinner – eine Reportage aus dem Gerichtssaal zu einem Missbrauchsfall. Ein Fußballspiel ohne Polizeieinsatz – das Institut B3 auf der Suche nach der urbanen Gewalt in Leipzig.

Schreien und Stille: Der Anschlag auf Sachsens Justizminister Sebastian Gemkow und die Folgen. Der Stadtrat tagt: Die wichtigen Entscheidungen im Leipziger Kommunalparlament. „Make Germany grease again“ – die Partei DIE PARTEI Leipzig meldet sich zur Machtübernahme 2017 in einem ausführlichen Interview zu Wort. Und Ilse Schnickenfittich findet „Hoffnung ist immer“ (Satire).

Die LZ 39 erscheint am 20. Januar 2016. Wenig überraschend ist dies der 3. Freitag im 1. Monat des Jahres 2017.

Die neue „Leipziger Zeitung“ liegt ab Freitag, 16.Dezember, an allen bekannten Verkaufsstellen aus. Besonders in den Szeneläden, die an den Verkäufen direkt beteiligt werden. Also, support your local dealer. Da es vermehrt zu Ausverkäufen kam, ist natürlich auch ein LZ-Abonnement möglich, um garantiert nichts mehr zu verpassen.

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